LVA SOSE 2026
251.883 3,5 h (5,0ECTS)
Unerforschtes Erbe:
Der Wiener Straßenhof
Wahlseminar Denkmal + Stadt – Bachelor
Friedrich HAUER
Birgit KNAUER
Einführung
Dienstag, 10.3.2026, 14:00-17:00 Uhr
Seminarraum AC 02 – 2
Termine
wöchentlich Dienstag 16:00-19:00 Uhr
Seminarraum 257
Sondertermine
Zwischenpräsentation am 21.04. 14:00-19:00 Uhr
Seminarraum AC 02 – 2
Schlusspräsentation am 23.06. 14:00-19:00 Uhr
an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Postsparkasse (Georg-Coch-Platz 2, 1010 Wien)
Anmeldung
Bewerbung via TISS
Inhalt der Lehrveranstaltung
Der dynamische Stadtumbau der Spätgründerzeit brachte in Wien einen neuen, bislang kaum erforschten Gebäudetyp hervor: Straßenhöfe sind eine unterschätzte Anomalie in denausgedehnten Blockrandvierteln des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Beim Straßenhof, der gehäuft ab etwa 1900 in Erscheinung tritt, ist die Straßenfront durch eine „kurze, sackartige, nichtselten durch ein Gittertor abgeschlossene Privatstraße eingebuchtet. Er erinnert in seinen Dimensionen an die Großwohnbauten der älteren Zeit und nimmt in manchem die architektonischeGestaltung der ersten Gemeindebauten vorweg“ (Bobek/Lichtenberger 1978, 107). Der Straßenhof wurde entwickelt, um die besser vermarktbare Straßenfront zu maximieren, d.h. die Zahl der straßenseitigen Wohnräume, insbesondere der begehrten Eckzimmer zu erhöhen. Gleichzeitig wird durch monumentale Fassadenordnung, Symmetrien und das traditionelle Hoheitsmotiv des Ehrenhofs architektonische „Adressbildung“ betrieben. Der Straßenhof ist einambivalentes soziales Stadtphänomen: Er bewirkt schon innerhalb der kleinsten Einheit eines Stadtkörpers, der Parzelle eines Häuserblocks, eine Art „Regulierung“. Gleichzeitig trägt er zur Regulierung des öffentlichen Straßenraums bei, indem er aus Eigeninitiative neue Verkehrs- und Grünräume schafft. Da er aber privat finanziert wird, kann er genau dadurch eine Segregationbewirken, die Bevölkerungsteile ausschließt, indem Straßenzüge z.B. visuell und/oder durch physische Barrieren abgegrenzt werden. Obwohl sich in einer ersten Erhebung im heutigen, quantitativ bereits reduzierten Baubestand etwa 80 Ensembles mit insgesamt 3,5 km Straßenlänge finden lassen, wird der Straßenhof in der Regel bei der Behandlung des „Wiener Zinshauses“ bzw. Gründerzeithauses oder „Wohnhofs“ übergangen. Nach wie vor fehlt der Straßenhof auch weitgehend in der Genealogie deskommunalen Bauprogramms 1919–1934 sowie nach 1945. Das ist erstaunlich, denn es handelt sich
- aufgrund seiner relativen Häufigkeit um ein bis heute stadtbildprägendes Element,
- ein bislang unerforschtes Experimentierfeld des Späthistorismus mit einer Reihe von Sonderthemen und -motiven (Baukörpergliederung, Freiräume etc.) und
- bebauungs- und wohnbautypologisch ein wichtiges Bindeglied zwischen älteren Raumfiguren bzw. Bautypen (Wohnhof/Durchhaus/Ehrenhof etc.) und dem Reformblock 1890–1940 – mitAuswirkungen bis in die Gegenwart.
Folgende Fragen werden im Seminar behandelt
- Welche Straßenhöfe gibt es im heutigen Wien und wie ist ihr städtebaulicher Kontext?
- Wann und von wem wurden sie geplant, errichtet und ggf. umgebaut?
- Wie lassen sich die Ensembles bebauungstypologisch erfassen, was sind Gemeinsamkeiten, was sind Unterschiede?
- Welchen Erhaltungszustand haben sie?
- Nach welchen Kriterien kann eine denkmalpflegerische Haltung zu den Ensembles entwickelt werden?
- Welche direkten Auswirkungen hatte die Typologie auf spätere Bauformen (etwa die Superblocks des Roten Wien)?
Wir werden uns im Zuge der Recherche mit den Architekturen und dem sie umgebenden Stadtraum sowie unterschiedlichen Quellen befassen (u.a. historische Pläne und Bildmaterial,Architekturpublikationen) und lernen diese zu recherchieren, zu systematisieren und kritisch zu analysieren. Damit werden wir einen Beitrag zur architekturwisschenschaftlichenGrundlagenforschung leisten!
Die Lehrveranstaltung findet in Kooperation mit dem Forschungsprojekt Der Wiener Straßenhof am Forschungsbereich Kunstgeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften(ÖAW) statt und wird in Abstimmung mit der Lehrveranstaltung 257.036 Stadt, Ensemble und Bauen im Bestand abgehalten (es gibt 2-3 gemeinsame Termine im Semester, die dem Austauschzwischen den Studierenden dienen).
Methoden
Wir werden uns im Zuge der Recherche mit unterschiedlichen Quellen befassen: die gebaute Stadt (Gebäude, Freiräume, Baudetails), historische Stadtkarten und Bildmaterial, Pläne undBauakten, Schriftdokumente etc. Wir werden lernen, diese zu recherchieren und kritisch zu analysieren. Ziel ist die Eintwicklung eines beabuungstypologischen Verständnisses für dieSonderform des „Straßenhofs“ und letztlich auch, die Stadt als ständig in Veränderung befindliches bauliches Gefüge zu begreifen, Zeitschichten erkennen, interpretieren und bewerten zulernen.
- Erlernen der Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens
- Methoden der Stadtforschung und Denkmalpflege
- Archivrecherche, Vor-Ort-Analyse, Vergleichsstudie und Abgleich von Plan-, Bild- und Schriftdokumenten
Sprache
Deutsch