Sandra Ihasz 2025
Die Fassade des Naturhistorischen Museums Wien als koloniales Erbe
Betreuung: Sophie Stackmann
Das Naturhistorische Museum Wien zählt zu den bedeutendsten Museumsbauten der Ringstraße und prägt bis heute die kulturelle Identität der Stadt. Die vorliegende Diplomarbeit widmet sich der Fassade des Museums und untersucht sie als Träger kolonialer Bildprogramme und Wissensordnungen des späten 19. Jahrhunderts. Im Zentrum steht die Frage, wie sich eurozentrische und koloniale Denkweisen in der architektonischen Gestaltung der Fassade manifestieren und welche Bedeutung ihnen aus heutiger Perspektive zukommt.
Das zwischen 1871 und 1891 von Gottfried Semper und Carl von Hasenauer errichtete Museum wurde als repräsentatives “Gesamtkunstwerk” der Habsburgermonarchie konzipiert. Der reich geschmückte Fassadendekor erzählt eine Geschichte von Wissenschaft und Erkenntnis, die jedoch weitgehend aus einer europäischen Perspektive formuliert ist. Europäische Wissenschaftler, Forscher und Denker dominieren das Bildprogramm, während außereuropäische Regionen in allegorischen und stereotypisierten Darstellungen erscheinen. Dadurch wird ein hierarchisches Welt- und Wissensverständnis sichtbar, das Europa als Zentrum wissenschaftlicher Autorität inszeniert.
Die Arbeit analysiert die Fassade sowohl in ihrer Entstehungsgeschichte als auch in ihrer heutigen Wahrnehmung und ordnet sie als koloniales Erbe ein. Ein besonderer Fokus liegt auf der Rolle der Denkmalpflege und der Frage, inwiefern die Konservierung der Fassade zur Fortschreibung einseitiger historischer Narrative im öffentlichen Raum beiträgt. Untersucht wird daher, welche Herausforderungen sich für eine reflektierte denkmalpflegerische Praxis im Umgang mit kolonial konnotierter Architektur ergeben.